
EPR im Bundestag
Verbraucherschutz als Gestaltungsaufgabe
Als Designerin erlebe ich täglich, wie viel sorgfältige Gestaltung bewirken kann. Man kann Abfall vermeiden, anstatt ihn aufwendig und mit Qualitätsverlust zu verwerten. Man könnte Strukturen gestalten, anstatt die negativen Auswirken zu verhandeln. Ein Gesetz für die Textilbranche auf EU-Ebene könnte die Grundlage für eine solche zukunftsfähige Transformation schaffen. Ich hoffe, dass es dafür auf politischer Ebene genug Mut gibt.
Auch um dieses Gesetz ging es bei der Verbraucherkonferenz von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Bundestag. Im Mittelpunkt stand das 25-jährige Bestehen des Verbraucher:innenschutzes unter dem Leitgedanken „Starke Verbraucherinnen, starke Demokratie“. Für die Textilbranche beginnt diese Arbeit in vieler Hinsicht erst jetzt.
Renate Künast hat daran erinnert, wie die Verbraucherschutzarbeit vor 25 Jahren angefangen hat. Ganze Industriezweige beruhten darauf, unreguliert und intransparent arbeiten zu können. Die Textilindustrie ist eine der Branchen, in denen sich daran bis heute erstaunlich wenig geändert hat. Ein Satz von ihr ist mir hängen geblieben: Produkte dürfen kein trojanisches Pferd sein. Wie aktuell das ist, zeigt der jüngste Test der Deutschen Umwelthilfe: 83% Prozent der geprüften Shein-Produkte enthielten kritische Chemikalien und 40% überstiegen geltende Grenzwerte und hätten nicht verkauft werden dürfen. Der höchste Befund stammt aus einer Jugend-Kapuzenjacke: Dort überschritten die Werte für PFAS den nach REACH zulässigen Summengrenzwert um mehr als das 12.000-Fache. Insgesamt überschritten 75% der getesteten Waren die Grenzwerte für PFAS. Wenn wir über Verantwortung bei den Verbraucher:innen sprechen wollen brauchen wir zu allererst Transparenz über die Produkte. Verbraucher:innen müssen erfahren können, was in einem Kleidungsstück steckt, wer es genäht hat und unter welchen Bedingungen, damit sie überhaupt eine verantwortungsvolle Entscheidung treffen können. Solange diese Informationen fehlen und man verbotene Produkte frei auf dem Markt kaufen kann, bleibt jede Kaufentscheidung ein Blindflug, der meist nach Preis und Gestaltung entschieden wird.
Renate Künast ordnete die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte ein und formulierte ein Bild: Die nachhaltigste Lösung sollte eine breite Allee sein, der naheliegende und attraktivste Weg. "Make the sustainable way the easy way."

Darin liegt aus meiner Sicht auch der Maßstab für das Textilgesetz, das derzeit im Bundesumweltministerium entsteht. Es kann Transparenz über Materialien und Herstellung zur Selbstverständlichkeit machen und dafür sorgen, dass nachhaltigere Materialien, lokale Produktion, Reparatur, Verleih, Upcycling, Second Hand und Tausch fester Bestandteilen unseres Alltags wird. Kreislauffähige Angebote stärken regionale Wertschöpfung, schaffen Arbeitsplätze vor Ort und machen uns unabhängiger von globalen Rohstoffmärkten. Dieser Mehrwert sollte auch strukturell gestärkt werden.

Herzlichen Dank an Julia Schneider (MdB, Berichterstatterin für nachhaltige Textilien, Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, 3.v.r.) und Hanne Schäfer (wissenschaftliche Mitarbeiterin, Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, 2.v.r.) für die Einladung sowie an Dr. Viola Wohlgemuth (Senior-Expertin für Textil und Kreislaufwirtschaft, Deutsche Umwelthilfe, 3.v.l.), Leoni Lojenburg (Kleiderei Hamburg, r.) und Miriam Thiemann (Senior Policy Officer für nachhaltigen Konsum, Europäisches Umweltbüro EEB, 2.v.l.) für den inspirierenden Austausch.
Fotos: Santiago Rodriguez

